Cho Nam-joo – Kim Jiyoung, Born 1982

Cho Nam-joo Kim Jiyoung Born 1982 Rezension

Cho Nam-joos feministisches Buch Kim Jiyoung, Born 1982 schlug in den letzten vier Jahren große Wellen in seinem Erscheinungsland Südkorea – völlig zu Recht.

The world had changed a great deal, but the little rules, contracts and customs had not, which meant the world hadn’t actually changed at all.

In dem 2016 veröffentlichten Buch geht es um die 33-jährige Kim Jiyoung, die kürzlich heiratete und Mutter geworden ist. Dafür hat sie ihre Karriere an den Nagel gehangen und bleibt, wie so viele Frauen ihrer Generation auch, zuhause bei der Tochter. Doch alles, was sie für ihre neu gegründete Familie aufgeben musste, belastet sie so sehr, dass sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr sie selbst zu sein scheint.

Kim Jiyoung, Born 1982 gleicht in seinem nüchternen, berichtenden Stil eher einer Biografie als einem Roman, mit zeitweise eingestreuten Statistiken und Fußnoten, wobei natürlich die Frage ist, wie viele der Begebenheiten fiktiv sind und wie viele auf realen Erfahrungen der Autorin oder Frauen aus ihrem Umfeld basieren. Dass die dargestellte gesellschaftliche Realität nicht ganz so abwegig ist, zeigt allerdings die Tatsache, dass es das erste Buch seit Shin Kyung-sooks Als Mutter verschwand (2009) ist, das sich in Südkorea über eine Millionen Mal verkaufte.

Es ist DAS Buch, über das alle in den letzten Jahren sprachen – positiv wie negativ. So musste beispielsweise Popsängerin Irene der Gruppe Red Velvet online übelste Beschimpfungen und Bedrohungen über sich ergehen lassen, als sie erwähnte, das Buch kürzlich beendet zu haben. Männliche Fans gingen sogar so weit, Fotos der jungen Frau zu verbrennen und ihre Fanartikel zu zerstören. Achtung, Doppelmoral: Männliche Prominente hingegen, wie Komiker Yoo Jae-suk, Politiker Roh Hoe-chan und Präsident Moon Hae-in, konnten ohne Folgen über das Buch sprechen.

„Why is your cram school so far away? Why do you talk to strangers? Why is your skirt so short?“ Jiyoung grew up being told to be cautious, to dress conservatively, to be ‚ladylike‘. That it’s your job to avoid dangerous places, times of day and people. It’s your fault for not noticing and not avoiding.

Leser*innen begleiten Kim Jiyoung von ihrer Kindheit an bis zu dem Moment, als sie plötzlich beginnt, mit der Stimme ihrer Mutter und der einer verstorbenen Freundin zu sprechen. Wir lernen den Alltagssexismus der südkoreanischen Gesellschaft kennen, der schon damit beginnt, dass Söhne einen höheren Stellenwert genießen und deshalb bis in die 80er-Jahre Abtreibungen von weiblichen Föten vorgenommen wurden. Jiyoungs Bruder wird im Alltag bei den kleinsten Dingen bevorzugt: er bekommt den meisten Reis und die schönsten Stücke Tofu, er hat seinen eigenen Schirm während sich die Schwestern einen teilen müssen, er bekommt neue und aufeinander abgestimmte Anziehsachen und Schulsachen. Jungs dürfen in der Schulcafeteria als erstes essen, als erstes ihre Hausaufgaben vorlesen, als erstes irgendwo hin gehen. Kim Jiyoung sagt selbst: „That’s how it had always been.“ Und so hinterfragt niemand die Praktiken, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten bestehen.

Auch nach der Schule geht es für Frauen weiter mit der strukturellen Benachteiligung:
Frauen leiden unter dem Druck der Familien, nach der Hochzeit schnell schwanger zu werden, bei allen Familientreffen gibt es regelrechte Verhöre in puncto Nachwuchs. Die Frau ist natürlich schuld, wenn noch kein Kind unterwegs ist und „noch zu früh für Familienplanung“ existiert in der Vorstellung der Eltern, Schwiegereltern und Großeltern nicht – vielmehr vermuten sie direkt gesundheitliche Probleme, Unfruchtbarkeit oder eine allgemeine Minderwertigkeit der Ehefrau. Am Arbeitsplatz können Jiyoung und ihre Kolleginnen ebenfalls nur alles falsch machen. Vielfach befinden sie sich in der schwierigen Situation, ihre Meinung zu sagen, sich durchzusetzen und somit ihren Job zu riskieren, oder eben sie beugen sich erneut den Strukturen, wohl wissend, dass sich so nichts ändern wird und sich andere, jüngere Frauen natürlich an ihnen orientieren können und gleichsam alle Ungerechtigkeiten stillschweigend hinnehmen.

Auch wenn einige Dinge vielleicht spezifisch die koreanische Kultur betreffen, wie zum Beispiel die Bevormundung von Söhnen, der Stellenwert der Schwiegereltern etc., und uns daher etwas fremd und distanziert vorkommen, gibt es dennoch viele Missstände, welche traurigerweise die globale moderne Gesellschaft reflektieren. Gerade Jiyoungs Sorgen als Mutter sind auch in der westlichen Arbeitswelt, auch hier in Deutschland zu spüren: kann ich ein Kind bekommen, ohne alles andere, mich selbst, aufzugeben? Wie soll ich Erziehung und Job vereinbaren, wenn die Strukturen dafür einfach nicht vorhanden sind? Wie kann ich als Schmarotzerin angesehen werden, wo ich doch den ganzen Tag lang schufte, wenn auch zuhause?

„Companies find smart women taxing. Like now – you’re being very taxing, you know?“
What do you want from us? The dumb girls are too dumb, the smart girls are too smart, and the average girls are too unexceptional?

Natürlich kann man auch für die südkoreanische Gesellschaft nicht alles verallgemeinern. Es gibt mit Sicherheit fortschrittliche Firmen, die sich um die Gleichstellung ihrer Mitarbeiter*innen kümmern und es gibt auch viele Familien, in denen keine Bevormundung herrscht. Dennoch sind Chos sehr einseitige Beschreibung und ihr Fokus auf den Missständen notwendig, um darauf aufmerksam zu machen, was genau schief läuft und dringend Änderung bedarf.

Obwohl das Buch sehr nüchtern und emotionslos verfasst ist, gelingt es ihm doch, zu schockieren. Gerade die weibliche Schuld, welche sich eigentlich durch Jiyoungs gesamtes Leben zieht, ist erschütternd. Sie wird belästigt? Sie hat sich falsch verhalten. Sie bekommt den Job nicht? Sie hat blöde Antworten im Vorstellungsgespräch gegeben. Sie findet nach der Geburt keinen Job? Sie hätte ja noch kein Kind bekommen müssen. Es geht so weit, dass sogar Jiyoung oft die Fehler bei sich selbst sucht und sieht. Die Reduziertheit, die Dumpfheit des Stils spiegelt allerdings auch perfekt Jiyoungs Leben wider: deprimierend, unsichtbar, unwichtig. Indem der Roman nicht wie ein Roman, sondern wie eine Biografie, wie ein Abriss ihres Lebens erzählt wird, wird Jiyoung zum Objekt gemacht und erneut jeglicher Art von Identität und Selbst beraubt.

„Kim Jiyoung is depressed. Kim Jiyoung is mad. Kim Jiyoung is her own woman. Kim Jiyoung is every woman.“ steht auf dem Klappentext meiner Ausgabe. Und genau das ist sie nämlich: eine Repräsentantin. Aus diesem Grund spricht Jiyoung auch plötzlich wie ihre Mutter, wie ihre Freundin: denn sie ist eine Symbolfigur für all jene Frauen in dem Roman, für all jene in der Gesellschaft.

Cho Nam-joos Buch Kim Jiyoung, Born 1982 ist in Südkorea ein Bestseller. Es bietet einen spannenden Einblick in den Lebensalltag südkoreanischer Frauen und zeigt die patriarchalischen Strukturen, die kleinen und großen Ungerechtigkeiten und die sexistischen Verhaltensweisen auf, mit denen sie tagtäglich konfrontiert werden. Ein wichtiges Werk feministischer Literatur aus dem asiatischen Raum.

Das Buch wurde 2019 mit Jung Yu-mi und Gong Yoo in den Hauptrollen verfilmt.

5 comments

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    • letusreadsomebooks

      Sehr schön! :) Es ist glaube ich auch erst Anfang des Jahres im englischsprachigen Raum erschienen und so weit ich weiß, wurde es international kaum besprochen. Ich bin mal gespannt, ob es auch irgendwann auf Deutsch erscheinen wird, in den letzten Jahren hat sich ja ein größeres Interesse an koreanischer Literatur entwickelt! :)

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