Nana Kwame Adjei-Brenyah – Friday Black

Nana Kwame Adjei-Brenyah Friday Black Rezension

In zwölf düsteren Erzählungen wirft der amerikanische Autor Nana Kwame Adjei-Brenyah mit seinem Debüt Friday Black einen kritischen Blick auf unsere konsumorientierte, gewaltbereite und rassistische Gesellschaft.

Du siehst, wie es die Welt auffrisst, und zweifellos bist du sein Ziel. Es kommt auf dich zugestürmt. Und als es blendend hell ist, bist du ängstlich und demütig. Bei seinem Anblick weißt du, es ist etwas, das du vermutlich bloß ein einziges Mal siehst. Etwas, das ein einziges Mal passiert und dann nie wieder. Wir haben es alle schon oft gesehen, aber ich breche noch immer in Tränen aus, denn wenn es kommt, weiß ich genau, dass wir unendlich sind.

Friday Black versammelt zwölf verschiedene Geschichten mit unterschiedlichen Protagonisten. Alle von ihnen sind PoC und erleben in ihrem Alltag Rassismus und eskalierende Gewalt. Ein Black Friday läuft komplett aus dem Ruder, ein Vergnügungspark à la Westworld wird gegründet, in dem Weiße „Problembewältigung, Recht und Urteilsvermögen“ lernen, indem sie Schwarze töten. Es gibt ein haarsträubendes Rechtsurteil, das zu gewalttätigen Ausschreitungen und Morden führt, ein angehender Autor verfügt durch einen Pakt mit dem zwölfzüngigen Gott über ungeahnte Kräfte, zwei Föten bleiben nach der Abtreibung bei ihren „Eltern“. Eine Gesellschaft, in der nach den großen Kriegen nur noch die Wahrheit ausgesprochen wird, pumpt alle mit chemischem „Glück“ voll (man denke an das Soma aus Schöne neue Welt oder die Seife aus Der Wolkenatlas) und eine Stadt erlebt immer wieder, gefangen in einer Zeitschleife, ihre eigene Zerbombung, während zwei Jugendliche die Freiheit von jeglichen Konsequenzen dazu nutzen, ihre Mitbürger zu foltern.

Vor dem Laden ist alles blutig und kaputt, woran ich erkenne, dass es ein toller Black Friday war. Auf Bänken liegen Leute herum, aus Mülleimern ragen Füße.

Was Adjei-Brenyah hier wahrlich eindrucksvoll geschaffen hat – immerhin ist Friday Black sein literarisches Debüt –, ist die Zusammenstellung verschiedenster spannender Szenarien. Die wenigsten von ihnen sind realitätsnah, sondern eher dystopisch. Oft werden reale Ereignisse und Entwicklungen aus unserer heutigen Zeit abgewandelt und zugespitzt dargestellt, so zum Beispiel der Todesfall von Trayvon Martin durch George Zimmerman, der als Vorlage für die Geschichte mit dem „Vergnügungspark“ dient.

Es wird dunkel. Ich fühle mich wie der Tod/wie Kacke. Mitten in der Nacht kommt meine Mutter ins Zimmer.
„Du hast geschrien“, sagt sie.
„Ist mir egal, ob ich euch gestört habe; ich bin frustriert, weil ihr unser Glück versteckt habt“, sage ich von unter der Decke. […] Dann benutzt sie den Injektor in ihrer Hand und sticht in meinen Hals. Sie gibt mir drei Injektionen, und von dem Glück klappern meine Zähne. Meine Mutter lässt die Hand eine Zeit lang auf meinem Kopf liegen. Dann dreht sie sich um und geht. Und alles fühlt sich so richtig und gut an, dass ich lächelnd einschlafe.

Die Kurzgeschichten des Autors, der in New York geboren wurde und ghanaische Wurzeln hat, sind fast alle sehr abstrus und satirisch. Der düstere Humor, der zwischen all der Brutalität und expliziten Gewalt durchscheint, führt allerdings eher dazu, dass einem das Lachen bleibt im Halse stecken bleibt. Im ersten Moment wirken Adjei-Brenyahs Szenarien so grotesk und verrückt – zum Beispiel wenn ein weißer Familienvater fünf schwarze Kinder mit der Kettensäge regelrecht abschlachtet, weil sie vor seiner Videothek herumlungerten und er sich und das Leben seiner eigenen Kinder „bedroht“ sieht –, doch diverse Ereignisse aus den USA in den letzten Jahre zeigen uns, dass das alles vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt ist. Auch der Tod von George Floyd vor wenigen Tagen zeigt leider, wie aktuell dieses Buch ist und wie sehr der Autor den Nerv der Zeit damit trifft.

Die Nächte waren dunkel, weil das Gas- und Stromunternehmen entschieden hatte, das Maß sei voll. Ich hatte gelernt, dass vieles, was ich liebte, jene Annehmlichkeiten, die für mein Wohlbehagen sorgten, ganz allmählich, aber auch urplötzlich verschwinden konnten. Ich hatte gelernt zu hassen. Andere zu hassen, weil sie etwas besaßen, und mich, weil ich nichts besaß.

Die grundlegende Stimmung des Buchs ist sehr dunkel, der Blick auf die Menschheit und unsere heutige Gesellschaft alles andere als positiv. Durch seine überzogenen Darstellungen gelingt dem Autor eine Kritik an unserem aktuellen kapitalistischen Konsumverhalten, unserer Bereitschaft zur Gewalt sowie der sozialen Ungerechtigkeit, die zwischen den Klassen, aber vor allem auch zwischen Weißen und Schwarzen herrscht. Für mich sind es besonders die abgedrehten und abgefuckten Storys, die diese Sammlung so herausragend machen; am besten gefallen haben mir die titelgebende Geschichte Friday Black, Zimmer-Land, sowie die erste Story (Die Finkelstein Five) und die letzte (Durch den Blitz).

Nana Kwame Adjei-Brenyahs Storys in Friday Black sind harte Kost, keine Frage. Es sind bizarre und schockierende Szenarien, die der Autor hier entwirft. Auf extrem innovative wie beeindruckende Art setzt er sich mit den Themen Konsum, Gewalt und Rassismus auseinander und auch wenn seine Geschichten auf den ersten Blick unheimlich überspitzt wirken, zeigen sie dennoch ein trauriges Bild unserer jetzigen Realität. Dieses Buch ist definitiv eines meiner bisherigen Jahreshighlights.

„Was ist mit dem siebenjährigem Mädchen, das Sie mit einer Kettensäge enthauptet haben?“
„Für mich sah die viel älter als sieben aus“, antwortete Dunn.
„[…]Und sie sind auf sie zumarschiert – Sie sind ihre nachgerannt und haben sie ermordet. Die Berichte zeigen, dass Sie sie als Letzte umgebracht haben und sie ein Stück weit weg von den anderen gefunden wurde. Mussten Sie sie verfolgen? Wie schnell ist sie gelaufen?“
„Sie ist nirgends hingerannt. Sie wollte mich überfallen, genau wie die anderen.“
„Die siebenjährige Fela St. John wollte Sie überfallen, einen erwachsenen Mann, der gerade mehrere ihrer Freunde und Verwandten ermordet hatte. […] Finden Sie, das ergibt einen Sinn? Klingt das für Sie nach einer Siebenjährigen?“
„Sie sah wie mindestens dreizehn aus.“
„Klingt das für Sie nach einer Dreizehnjährigen, Mister Dunn?“
„Heutzutage weiß man nie“, sagte Dunn.

Weitere Besprechungen findet ihr bei Schreiblust Leselust, Die Melodie der Buchstaben und Wissenstagebuch.

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