Amélie Nothomb – Kosmetik des Bösen

Amelie Nothomb Kosmetik des Bösen Rezension

Amélie Nothombs Kosmetik des Bösen ist ein kluger, unterhaltsamer und spannender Dialogroman über das Böse, das sich in uns allen verbirgt.

Jérôme Angust sitzt am Flughafen und wartet, denn sein Flieger hat Verspätung. Der Geschäftsreisende möchte einfach nur in Ruhe lesen, bis es endlich weiter geht, doch ein Mann, der sich als Holländer namens Textor Texel vorstellt, setzt sich zu ihm und bedrängt ihn. Da Angust ihn nicht abschütteln kann, bleibt ihm nichts anderes übrig, als dem eloquenten und in der Philosophie bewanderten Herrn zuzuhören – auch, als die Themen düsterer und die Geständnisse heftiger werden.

„Was wissen Sie denn?“
„Sie sind Geschäftsmann. Ihre Ziele lassen sich in Geld beziffern. Das ist billig.“
„Jedenfalls behellige ich andere nicht damit.“
„Sicher fügen Sie irgend jemand Schaden zu.“
„Selbst wenn das stimmen sollte – wer sind Sie, mir das vorzuwerfen?“
„Texel. Textor Texel.“
„Das sagten Sie bereits.“
„Ich bin Holländer.“

Auf den ersten dreißig Seiten dachte ich noch, dass dieses Buch ganz okay ist, aber zu Nothombs schwächeren gehören könnte – wie hätte ich da ahnen können, wie sehr ich mich irre?
Es beginnt scheinbar harmlos mit einem Mann, der von einem Quälgeist belagert und geplagt wird – Texel ist unangenehm, aufdringlich und nervtötend, doch anfangs ahnt man sein Potenzial noch nicht. Die Dialoge sind zunächst einseitig, als Angust versucht, auszuweichen und weiter in seinem Buch zu lesen, doch Texel lässt nicht so leicht locker. Schnell entspinnt sich ein Roman, der ein einziger langer Dialog ist – und wie wahnsinnig gut Nothomb diese Form beherrscht, durfte ich bisher in verschiedenen ihrer Bücher bewundern.

Texel mag den Geschäftsmann vielleicht mit Anekdoten aus der Kindheit langweilen, doch das, was ihm eigentlich auf der Zunge und auf dem Herzen liegt, ist deutlich härterer Tobak. (Achtung, explizite Gewaltszenen!) Aber Nothomb wäre nicht Nothomb, wenn sie die ersten Eindrücke auf sich beruhen lassen würde. Dieses Buch wird vor allem durch zwei große Twists so grandios, die einen – obwohl die Autorin vorher schon dezente Hinweise streut – ganz schön überraschen dürften.

„Sie sind ja wahnsinnig!“
„Finde ich nicht. Wahnsinnige sind für mich Menschen, die sich unbegreiflich verhalten. Mein Verhalten kann ich Ihnen in allen Einzelheiten erklären.“
„Da sind Sie aber der einzige.“
„Das genügt mir vollkommen.“

Kosmetik des Bösen ist ein Roman über Moral und Gerechtigkeit, über Vergeltung, Gewissen, Trauma, Verdrängung und die inneren Dämonen. Es ist höchst erstaunlich, wie viele gesellschaftliche, psychologische aber auch mythologische, religiöse oder philosophische Themen die belgische Autorin in ihren schmalen Büchern unterbringen kann, ohne je ihre Leser zu langweilen. Die meisten ihrer Werke umfassen gerade einmal 100 bis 150 Seiten, doch sie nehmen so schnell an Fahrt auf, dass man es gar nicht wagt, sie aus der Hand zu legen, bis der letzte – meist völlig unerwartete Absatz – kommt.

Es ist wirklich schwierig, über dieses Buch zu schreiben, ohne zu viel Preis zu geben, was bei Nothombs kurzer Prosa zwar oft der Fall ist, bei diesem Werk hier aber besonders zutrifft. Was sich aber ganz klar sagen lässt, ist, dass es ein böses, ein abgründiges Buch ist, ein verrücktes, ein durch und durch amüsantes, trotz der harten Thematik.

Amélie Nothombs Roman Kosmetik des Bösen beweist wieder einmal, dass ein gutes Buch nicht unbedingt lang sein muss. Zwei skurrile Protagonisten liefern den Lesern ein absolutes Dialog-Feuerwerk, das die menschlichen Abgründe offenbart. Vor allem das Ende ist Nothomb wieder einmal ausgezeichnet gelungen – bei solchen Wendungen kann man das Buch eigentlich nur in einem Rutsch durchlesen!

5 comments

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  1. Mikka Liest

    Hallo,

    das klingt nach einem bitterbösen Buch voller Abgründe und unerwarteter Wendungen – und ich liebe solche Wendungen, wenn sie gut geschrieben sind. In dieser Rezension klingt es ja so, als sei es das auf jeden Fall!

    Ich überlege die ganze Zeit: ich habe mal ein Buch gelesen, in dem ein Mann am Flughafen zufällig eine Frau trifft, die ihm nach ein wenig Plauderei anbietet, seine Frau zu töten. Wie hieß das noch…? Sagt euch das was?

    Jedenfalls erinnert mich der Einstieg von „Kosmetik des Bösen“ an dieses Buch, das eine großartige Wendung hatte, wie ich sie konsequenter kaum mal gelesen habe…

    LG,
    Mikka

    Gefällt 1 Person

    • letusreadsomebooks

      Hi Mikka,

      wie du das eine Buch beschreibst, könnte das hier auf jeden Fall was für dich sein! Das Buch sagt mir leider nichts, aber ich denke, „Kosmetik des Bösen“ könnte dir auch Vergnügen bereiten – wenn man in diesem Fall davon sprechen kann. :D Ansonsten kann ich generell die Romane von Nothomb empfehlen, dieser hier hat aber meiner Meinung einen sehr großen Wow-Effekt. :)
      Lieben Gruß,
      Nadine

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    • letusreadsomebooks

      „Der Professor“ und „Blaubart“ habe ich beide auch schon gelesen, „Blaubart“ gehört auch zu meinen Favoriten von ihr! :) „Das böse Mädchen“ kenne ich noch nicht, aber ich bin froh, wenn ich noch viele Nothomb-Bücher lesen kann, da weiß ich, dass ich begeistert sein werde wenn ich danach greife. ;)

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  2. Monatsrückblick: gelesen im April – Letusredsomebooks

    […] Ein Mann wartet am Flughafen auf Grund einer Verspätung auf seinen Flieger – und plötzlich setzt sich ein aufdringlicher Holländer neben ihn. Was zunächst noch nach einer halbwegs bekannten Situation klingt, nimmt schnell immer abstrusere Züge an: der Quälgeist ist nicht nur eloquent, sondern auch verrückt und gewalttätig. Nothomb überzeugt hier mit einem amüsanten und schockierenden Dialogroman über das Böse im Menschen. Ein herrlich düsteres Buch mit einem absolut überraschenden Ende. Wir haben den Roman bereits rezensiert. […]

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