Peter Keglevic – Wolfsegg

Peter Keglevic Wolfsegg Rezension

Überladene Handlung, die zur Groteske wird: Peter Keglevics Wolfsegg kann seinen Themen nicht gerecht werden.

Die fünfzehnjährige Agnes Walder lebt mit ihren Eltern und Geschwistern in einem Alpental. Nach der Schule möchte sie gerne „Autoschrauber“ werden, stattdessen landet sie bei der „Raika“, der landwirtschaftlichen Genossenschaft. Nach kurzer Zeit wird sie bereits von ihrem Vorgesetzen sexuell belästigt. Ihre gesamte Familie gehört zu den Außenseitern im Tal, wo jeder jeden kennt. Agnes Mutter ist schwer an Krebs erkrankt und der Vater hat seine Arbeit verloren, da er angeblich gestohlen hat.

Peter Keglevics Roman Wolfsegg scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Obwohl er in der Gegenwart spielt, erinnert die Handlung und Situation im Tal an die 70er Jahre oder noch eher an die Jahrzehnte davor. Der Scholtysek, Agnes Vorgesetzter, der sie belästigt, ist ausgerechnet derjenige, der vor Jahren ihre Mutter umworben hatte, von ihr aber zurückgewiesen wurde. Da niemand im Tal die Familie leiden kann, wird Agnes vom eigentlichen Opfer zur angeblichen Täterin, die ihren Chef verführen wollte. Nachdem ihr Vater Scholtysek in der Kirche dazu zwingt, ein Geständnis abzulegen, eskaliert die Lage im Tal immer mehr.

Grell lag das Land an diesem denkwürdigen Sonntag unter der Sonne, ein Funke hätte genügt, um alles in Brand zu setzen. Die Getreidefelder waren längst abgeerntet, auch der Flachs war eingebracht, und die Früchte an den Obstbaumspalieren hatten Sonnenbrand. Eisenstein suchte den Schatten an den Ausläufern des Waldes, der zu beiden Seiten bis zur Baumgrenze hochstieg, dann war der Berg nur mehr Stein. Die Häuser des Städtchens lehnten aneinander wie Eidechsen mit ihren glänzenden Schieferschuppen auf den Dächern.

Für Agnes folgt Schicksalsschlag auf Schicksalsschlag und sie findet sich letztlich allein verantwortlich für die beiden jüngeren Geschwister. Der Roman entwickelt sich mit der Zeit zu einem Rache-Alpen-Western. Dabei sind vor allem die Nebenfiguren dermaßen überzeichnet und klischeehaft, dass es immer grotesker wird. Dazu kommen immer mehr Wendungen und Enthüllungen, so dass die Handlung zum Ende hin völlig überladen und überkonstruiert wirkt, abgesehen davon, dass sie in der Jetzt-Zeit auch einfach nicht funktioniert. Das ganze Drama, das sich immer weiter aufbaut, ist so kaum noch ernst zu nehmen.

(Hier ein paar Spoiler: Es folgen Rachemorde, eine unerwünschte Schwangerschaft nach dem ersten Sex, Enthüllungen über angebliche Vaterschaften, Kindesmissbrauch, in der Presse beschriebene Kulthandlungen, Outing einer Figur und noch einiges mehr.)

Zu viele Themen, als das der Roman sie alle angemessen behandeln könnte und es absurd wirkt, was hier alles in die Handlung eingeflochten wird. Das harte und traurige Schicksal von Agnes geht dabei unter und der Roman kann ihren Erlebnissen nicht gerecht werden.

Gerade im ersten Drittel werden noch recht atmosphärisch das Alpenpanorama und die Dorfwelt aufgebaut, es finden sich Andeutungen auf die Vergangenheit der Figuren, so dass Wolfsegg in seinen guten Momentan eben auch als Alpenwestern funktionieren könnte. Diese Vorarbeit wird aber nach einiger Zeit zunichte gemacht und verschwindet unter der Handlung, die zu viele Elemente miteinander verbinden will.

Peter Keglevics Wolfsegg schafft es nicht, seine ernsten Themen glaubhaft zu erzählen. Die Charaktere sind dermaßen eindimensional gezeichnet, dass es grotesk wirkt. Die Spannung, die der Roman zu Beginn noch erzeugen kann, geht so mit der Zeit völlig unter.

Deutlich positiver hat Jana von Wissenstagebuch den Roman gelesen.

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