Min Jin Lee – Ein einfaches Leben

Min Jin Lee ein einfaches Leben Rezension

Min Jin Lees Roman Ein einfaches Leben erzählt die Geschichte einer ganzen Familie – vier Generationen auf der bewegenden Suche nach Identität und Heimat.

„Was können wir tun, mein Kind, außer durchhalten?“

Korea in den 1920er Jahren. Nachdem ihr Vater früh verstarb, arbeitet Sunja in dem Gasthaus ihrer Mutter in einem kleinen Dorf in Yeongdo, an der Südküste Koreas. Korea steht unter der japanischen Herrschaft, Arbeit und Nahrungsmittel werden knapper, während die Japaner die Einheimischen unterdrücken, ihnen den Gebrauch ihrer eigenen Sprache verbieten und junge Frauen mit dubiosen Angeboten locken, um sie dann als sogenannte Trostfrauen als Sexsklavinnen für die japanische Armee arbeiten zu lassen. Als Sunja eines Tages schwanger wird, steht sie vor der Wahl: hier bleiben, in einem Land ohne Hoffnung und Zukunft, oder mit dem Priester Isak nach Japan zu dessen Bruder auszuwandern. Doch auch in Japan ist nicht alles so rosig, wie es von Weitem den Anschein machte: Koreaner werden hier zwar geduldet, aber nicht respektiert und führen nur niedere Arbeiten aus. Doch Sunja und Isak bleiben in Osaka und gründen dort ihre Familie, selbst, als die Amerikaner im zweiten Weltkrieg das Land bombardieren.

Min Jin Lee, eine US-Amerikanerin mit südkoreanischen Wurzeln, hat über zehn Jahre an dieser außergewöhnlichen Familiensaga geschrieben. Die Idee für den Roman hatte sie schon 1989, doch erst als sie mit ihrem Mann nach Osaka zog und dort mit koreanischen Japanern sprach, wusste sie, wie sie ihre Gedanken umsetzen konnte. Vier Generationen umspannt das Buch insgesamt, Hoonie und Yangjin, ihre Tochter Sunja und deren Mann Isak, die beiden Söhne Noa und Mozasu sowie dessen Sohn Solomon.

Während seiner glücklichen Kindheit, im warmen Nest seiner liebevollen Eltern, hatte er immer mit schlechtem Gewissen an die Koreaner gedacht, die ihr Land für immer verloren hatten. Junge Leute wie Moses und Yumi waren nie in Korea gewesen. Es war viel die Rede davon, dass die Koreaner eines Tages in ihr Land zurückkehren würden, aber ihr Zuhause, das ohnehin nur in ihren Köpfen bestand, hatten sie für immer verloren.

Auf der Suche nach einem besseren Leben zieht es die Familie vom besetzen Korea nach Japan, wo die Lage ebenfalls nicht gut, aber eben weniger miserabel ist. Doch Außenseiter bleiben die Protagonisten überall. In Japan sind sie minderwertige Koreaner, leben in dreckigen Vororten, werden in der Schule beschimpft und gemieden und erreichen in ihrem Leben nur etwas, wenn sie sich in der zwielichtigen Unterwelt der Yakuza und der Pachinko-Spielhallen bewegen oder aber ihre koreanische Identität verleugnen und sich bis zum Verlust des eigenen Ichs anpassen. Daheim in Korea aber wütet im Norden auch nach dem Krieg noch immer der Hunger,Grundbesitzer werden enteignet und erschossen, und im Süden gelten Zurückkehrende als japanische Bastarde. Zwei Länder, zwei Sprachen, und doch haben Noa, Mozasu und Solomon keine Heimat, kein Zuhause. Es sind bewegende Schicksale, die von einer Zeit erzählen, die in der westlichen Gegenwartsliteratur nur wenig beleuchtet wird – völlig zu Unrecht.

„Du bist sehr tapfer, Noa. Viel tapferer als ich. Jeden Tag unter Menschen zu leben, die nicht sehen wollen, dass du ein Mensch bist wie sie, verlangt großen Mut.“

Lees Sprache ist eher schlicht und ohne große Emotionen, ihr Erzähltempo gemächlich. Es gibt keine Action, es wird nie rasant – und dennoch ist es ein wahnsinnig spannender Roman, der seine Faszination aus der Ruhe und Klarheit schöpft, mit welcher die Autorin vorgeht. Besonders authentisch wird das Ganze durch stets eingestreute koreanische und japanische Begriffe, die zum Teil in einem Glossar erklärt werden, zum Teil aber auch durch Erschließung (und den besten Freund Google) übersetzt werden müssen. Zudem kreiert die Autorin nahbare, überzeugende Charaktere, deren Schicksal uns als Leser zu Herzen geht. Obwohl Sunjas Söhnen und ihrem Enkel nicht so viel Platz eingeräumt wird wie ihr selbst, nimmt uns ihr Unglück ebenso mit, macht uns traurig und wütend ob all der Ungerechtigkeiten. Der Roman schafft es, auf etwas mehr als 500 Seiten so viele Leben einzufangen, politische sowie historische Hintergründe zu bieten und zeitlose, essentielle Fragen nach Heimat und Identität aufzuwerfen.

„Das Leben einer Frau besteht aus endloser Arbeit und ewigem Leiden. […] Ein guter Mann bedeutet ein anständiges Leben, ein schlechter Mann ein Leben, auf dem ein Fluch liegt – aber wie es auch ist, rechne immer mit Leid und arbeite weiter. Niemand nimmt sich einer armen Frau an – wir müssen uns um uns selbst kümmern.“

Die Frauen sind in diesem Buch gleichzeitig das schwächste und das stärkste Glied. Lee porträtiert Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft, die sich über ihre Männer hinwegsetzen und arbeiten gehen, obwohl eine gute koreanische Ehefrau zuhause zu bleiben hat. Sunja bringt durch ihre Schwäche, sich auf den verführerischen Fremden einzulassen, woraufhin sie schwanger wird, zwar Unglück über ihre Familie, doch mit ihrem Stolz, ihrer harten Arbeit und ihrer bedingungslosen Aufopferung für ihre Liebsten versucht sie, es wieder gut zu machen. Sie zeigt, dass das in diesem Roman häufig verwendete japanische Sprichwort „Sho ga nai“ („Da kann man nichts machen“ / “Es ist nicht zu ändern“) nicht stimmen muss, dass man es selbst in die Hand nehmen und ändern kann, wenn man sich nur genug anstrengt. Ein Leben ohne Leiden lässt sich aber dennoch nicht erreichen, zumindest nicht, wenn man in Korea geboren wurde oder aus einer Familie koreanischer Einwanderer in Japan stammt.

Min Jin Lees Roman Ein einfaches Leben ist ein gelungenes und wahnsinnig interessantes Familienepos über Ausgrenzung, Vorurteile und Rassismus, aber auch über Liebe, Glauben und die Aufopferung für eine besser Zukunft. Die von 1910 bis 1989 spannende Geschichte hat mich gleichermaßen gefesselt und berührt, was nicht zuletzt an den großartigen Charakterzeichnungen der Autorin lag. Besonders heute, in einer Zeit geprägt von Kriegen und Flucht auf der ganzen Welt sowie einer schwierigen Beziehung zwischen Japan und Südkorea, ist die Geschichte absolut aktuell.

Eine Antwort auf „Min Jin Lee – Ein einfaches Leben

  1. […] Min Jin Lees Familiensaga erzählt die Geschichte von Sunja, die als Mädchen den Priester Isak heiratet und mit ihm gemeinsam von Südkorea nach Japan auswandert, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Als Leser begleitet man sie, ihre beiden Söhne Noa und Mozasu sowie Sunjas Enkelsohn Solomon über die Jahre hinweg, wie sie versuchen, in Japan Fuß zu fassen, doch ständig mit Vorurteilen und Rassismus konfrontiert werden, während sie gleichzeitig keine Heimat, keine Identität haben. Ein hochaktuelles Thema also, dass Lee hier verarbeitet, gehüllt in den spannenden Mantel koreanisch-japanischer Geschichte. Es ist ein wirklich gelungenes und bewegendes Epos das mit ausgezeichneten Charakterdarstellungen überzeugen kann. Hier gelangt ihr zur ausführlichen Rezension. […]

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